Dienstag, 17. Mai 2011
SB
Sonntag, 17. April 2011
kalifornischer gruß...
Störung des Sinnzusammenhangs
Der Dramatiker Heiner Müller gratulierte zum Jubiläum der Volksbühne aus dem fernen Kalifornien
Lieber Frank Castorf, Johann Kresnik, Matthias Lilienthal, liebes Ensemble,
stöhnend unter der Last meines Versprechens, zum 80jährigen Bestehen der Volksbühne etwas aufzuschreiben, sitze ich in der Villa Aurora, einer Bibliothek von 23 000 Bänden mit Blick auf den Pazifik, umgeben von einer Zivilisation aus übelriechenden Duftstoffen, fastfood, (meine erste Futterallergie habe ich fast hinter mir), mehr oder weniger intelligenten Computern und lächelnden Idioten, HAPPINESS IS DUTY/GLÜCK IST PFLICHT; oder, wie mein Freund Bernd Böhmel aus Dresden nach seiner ersten Westreise diesen Zustand beschrieben hat: von Arschgeigen umzingelt. Mit jedem neuen Text, den ich lese, Literatur oder Zeitung, wächst der Widerstand meiner Schreibhand, rechts oder links macht keinen Unterschied, und es ist ein deutscher Reflex, den ich der kalifornischen Sonne nicht anlasten kann, gegen die trüben Signale, die von meinen maroden Gehirnwindungen ausgehn. MUTTER ICH KANN NICHT MEHR SINGEN / DIE WÜNSCHE DES HERZENS QUALMEN WIE LUNTE (Majakowski).
Nur meine alte Schreibmaschine, die ohne Gefühl und Verstand wiedergibt, was ich ihr eingebe, rettet mich vor dem Verstummen.
Theater, wenn es lebt, ist eine alte Schreibmaschine, wenn es gut ist, mit löchrigem Farbband, in den Löchern wohnt das Publikum, und manchmal kreischt es, dann freut sich die Kritik. Die Geschichte vom Lehrling im Kolonialwarenladen in Hamburg, der in das Faß mit dem Sauerkraut spuckt, und der Ladenhüter haut ihm eine Ohrfeige: es ist nicht wegen dem Sauerkraut, aber: was soll das, die Ohrfeige gilt der Angst wie dem Terrorismus, der Störung des Sinnzusammenhangs.
Theater, denen es nicht mehr gelingt, die Frage „Was soll das“ zu provozieren, werden mit Recht geschlossen. Ich bin froh, daß es die/eure Volksbühne gibt, so wie sie ist und hoffentlich noch eine Weile bleiben wird, ÜBER DEN GEWITTERN UND AM VORABEND DES TODES. Eure historische Leistung ist die Befreiung aus der programmierten Sinnschleife, in der die Stimme erstickt. Nach dem Einlaß in die Suppenküche des Kapitals: spuckt weiter in die Suppe am Vorabend des Todes und über den Gewittern. Der Weg ist nicht zu Ende, wenn das Ziel explodiert.
Mit kalifornischem Gruß
Heiner Müller
1994
Freitag, 25. Februar 2011
nachtstück
heut nacht begegnete mir ein anderer geselle
grau-schwarz und geringelten schwanzes
kiebitzt er um die ecke als ich
gedankenverloren und zigarillo-rauch umschwaded
gegen das gestänge lehne.
sein gesichtsausdruck zeugt von fehlender leidenschaft und interesse
aber wem wollte man das schon übelnehmen?
ich bin froh - wenn auch auf den boden der tatsachen zurückgestoßen
als er sich nach zehntelsekunden lustlosen inspizierens
wieder in die büsche schlägt.
mir bleibt der weg 'up'
zwei treppen ins himmelreich
'the only way is up, baby, for you and me-e-e now
the only way is up..'
in die leere meines konservendosen-studios
einem aschgrauen morgen harrend
Montag, 7. Februar 2011
amazing...
wow, da is mir was begegnet!!!
now really for inge:
falls das video nicht läuft, dann vielleicht hier.
Samstag, 5. Februar 2011
my snug little world
wiped out by a single blow
all the ridiculous attempts of organizing your life,
of setting up a structure that is supposed to last,
a future that can be kept in a cardboard-box.
looking back, it seems so absurd, all those efforts and
the tiny moments of philistine joy – actually, what a shame!
now once more tabula rasa, everything to be invented anew
all questions, and especially those that torture your mind the most,
to be raised again and again.
i am tired, so sick of all this.
a sunny new morning brings no relief, nor the cardinal’s tweet or
the astonishing play of shadows on the wall.
the ocean is not only far, but meaningless
all motion vanity.
it would be time to read seneca again or this ominous
persian wise man, Omar Khayyam, that Pessoa is talkin about
but I have no time and even reading does not make any sense.
instead these turning turbulences of violent emptiness in my head, pressing against the inside of my skull, trembling to burst out
into the outside world and to dash everything on it’s way.
it gets better at night
when the light is gone and darkness lays itself upon the world
like cold poultice on the eyes of a feverish man.
six more hours, seven more hours till the sun sets…
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