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Sonntag, 5. Januar 2014

steineroller-rhetorik


"Dieser Staat hat mir nichts geschenkt und ich habe mir von ihm nichts schenken lassen als die Erfahrung des Scheiterns einer Utopie, die der Motor meines Schreibens war."

"Ich hatte kein Haus am See, nur meinen Schreibtisch, an dem das Geisterschiff der Revolution mit seiner toten Mannschaft und dem immer andern Kapitän am Mast, den immergleichen Nagel in der Stirn, machmal fern vorbeifuhr."

(heiner müller, die deutsche form der revolution...)

Sonntag, 17. April 2011

kalifornischer gruß...


Störung des Sinnzusammenhangs

Der Dramatiker Heiner Müller gratulierte zum Jubiläum der Volksbühne aus dem fernen Kalifornien


Lieber Frank Castorf, Johann Kresnik, Matthias Lilienthal, liebes Ensemble,
stöhnend unter der Last meines Versprechens, zum 80jährigen Bestehen der Volksbühne etwas aufzuschreiben, sitze ich in der Villa Aurora, einer Bibliothek von 23 000 Bänden mit Blick auf den Pazifik, umgeben von einer Zivilisation aus übelriechenden Duftstoffen, fastfood, (meine erste Futterallergie habe ich fast hinter mir), mehr oder weniger intelligenten Computern und lächelnden Idioten, HAPPINESS IS DUTY/GLÜCK IST PFLICHT; oder, wie mein Freund Bernd Böhmel aus Dresden nach seiner ersten Westreise diesen Zustand beschrieben hat: von Arschgeigen umzingelt. Mit jedem neuen Text, den ich lese, Literatur oder Zeitung, wächst der Widerstand meiner Schreibhand, rechts oder links macht keinen Unterschied, und es ist ein deutscher Reflex, den ich der kalifornischen Sonne nicht anlasten kann, gegen die trüben Signale, die von meinen maroden Gehirnwindungen ausgehn. MUTTER ICH KANN NICHT MEHR SINGEN / DIE WÜNSCHE DES HERZENS QUALMEN WIE LUNTE (Majakowski).
Nur meine alte Schreibmaschine, die ohne Gefühl und Verstand wiedergibt, was ich ihr eingebe, rettet mich vor dem Verstummen.
Theater, wenn es lebt, ist eine alte Schreibmaschine, wenn es gut ist, mit löchrigem Farbband, in den Löchern wohnt das Publikum, und manchmal kreischt es, dann freut sich die Kritik. Die Geschichte vom Lehrling im Kolonialwarenladen in Hamburg, der in das Faß mit dem Sauerkraut spuckt, und der Ladenhüter haut ihm eine Ohrfeige: es ist nicht wegen dem Sauerkraut, aber: was soll das, die Ohrfeige gilt der Angst wie dem Terrorismus, der Störung des Sinnzusammenhangs.
Theater, denen es nicht mehr gelingt, die Frage „Was soll das“ zu provozieren, werden mit Recht geschlossen. Ich bin froh, daß es die/eure Volksbühne gibt, so wie sie ist und hoffentlich noch eine Weile bleiben wird, ÜBER DEN GEWITTERN UND AM VORABEND DES TODES. Eure historische Leistung ist die Befreiung aus der programmierten Sinnschleife, in der die Stimme erstickt. Nach dem Einlaß in die Suppenküche des Kapitals: spuckt weiter in die Suppe am Vorabend des Todes und über den Gewittern. Der Weg ist nicht zu Ende, wenn das Ziel explodiert.
Mit kalifornischem Gruß
Heiner Müller

1994

Donnerstag, 26. Februar 2009

imitatio sapiens oder: monkey business II





ach, wie anders und gefestigt muss das verhältnis unserer vorfahren zu unseren vor-vorfahren und zu uns selbst doch gewesen sein...

als kontrast zu diesem renaissance-stich hier noch einmal müllers gedicht:



STERBENDER MANN MIT SPIEGEL

Puschkin sterbend
An seiner Duellwunde
Ließ sich einen Spiegel bringen
Und eine Schüssel mit Hirsebrei
WIE EIN AFFE sagte er
Löffelnd in den Spiegel

Nach menschlichem Ermessen werden wir
Einander nicht wiedersehen Wir brauchen uns
Nichts mehr vorzumachen Es kommt Wahrscheinlich
Nichts Neues mehr sondern es kommt Wahrscheinlich
Nichts Was immer das sein mag
Auch der Sprung in den Spiegel brächte uns
Einander nicht mehr näher Glas klirrt
Wie Frauen schrein

2.10.1992

(Heiner Müller)

Dienstag, 21. Oktober 2008

STERBENDER MANN MIT SPIEGEL


STERBENDER MANN MIT SPIEGEL

Puschkin sterbend
An seiner Duellwunde
Ließ sich einen Spiegel bringen
Und eine Schüssel mit Hirsebrei
WIE EIN AFFE sagte er
Löffelnd in den Spiegel

Nach menschlichem Ermessen werden wir
Einander nicht wiedersehen Wir brauchen uns
Nichts mehr vorzumachen Es kommt Wahrscheinlich
Nichts Neues mehr sondern es kommt Wahrscheinlich
Nichts Was immer das sein mag
Auch der Sprung in den Spiegel brächte uns
Einander nicht mehr näher Glas klirrt
Wie Frauen schrein

2.10.1992

(Heiner Müller)


Sonntag, 1. Juni 2008

Was übrig bleibt: eine Last von Scheitern


„Wir lebten etwas anderes, als wir waren, wir schrieben etwas anderes, als wir dachten, wir dachten etwas anderes, als wir erwarteten und was übrig bleibt, ist etwas anderes, als wir vorhatten.“ (Gottfried Benn)


„Ich habe weder Hoffnungen noch Sehnsüchte. Da ich weiß, was mein Leben bis heute war – so viele Male und in so vielem das Gegenteil dessen, was ich mir gewünscht hatte - , was kann ich da mutmaßen über mein morgiges Leben? Einzig daß es sein wird, was ich nicht vermute, was ich nicht will und was mir von außen zustößt, bisweilen selbst durch mein eigenes Zutun. [...] Ich war immer nur eine Spur, ein Trugbild meiner selbst. Meine Vergangenheit ist all das, was ich nicht zu sein vermochte.“ (Fernando Pessoa)


„VIELES ABER / WIE EINE LAST VON SCHEITERN IST / ZU BEHALTEN“ (Friedrich Hölderlin / Heiner Müller)


Was übrig bleibt: eine Last von Scheitern.


Montag, 19. Mai 2008

GESTERN HABE ICH ANGEFANGEN ...


GESTERN HABE ICH ANGEFANGEN

Dich zu töten mein Herz
Jetzt liebe ich
Deinen Leichnam
Wenn ich tot bin
Wird mein Staub nach dir schrein

(Heiner Müller)

ich bin schon lange damit beschäftigt, dich zu töten, aber es mag und mag nicht gelingen. das herz ist ein geräumiger friedhof, wie müller sagt, aber die verwesenden wandeln umher und spucken mir ins gesicht. wer lässt sich schon gern zu grabe tragen und gar ohne aufstand? meine toten wollen sich nicht ergeben und einen gewissen stolz darüber und auf sie selbst kann ich nicht verhehlen. leben ist kampf und warum sollte der tod eine ausnahme darstellen? der kampf mit den toten, den abwesenden, den in deinen gehirnwindungen nicht schnell genug zerfallenden und denen, die aus deinem blut nicht wegzudenken sind. du bist eine ansammlung aus gestern, die sich in deinen zellen manifestiert und dir die immer wiederkehrenden zirkel vorschreibt, jeweils aufs neue begangen in der illusionären hoffnung einer (er)lösung.