Freitag, 1. Oktober 2010

"man kann nicht immer traurig sein, dafür ist die welt zu schön..."


diesen satz sagte mir meine mutter heute durchs telefon. sie sah dabei aus dem fenster ihrer wohnung, aus meinem alten zimmer hinaus, daheim. ich habe den ausblick vor augen, den sie vor sich hatte. ein weiter himmel aus dem 9. stock, ein beträchtlicher ausschnitt des unergründlichen blau und erst darunter, fast nebensächlich ein dunkles, ausladendes dreieck aus mietswohnungen. oft habe ich, wie sie, von dort aus gen norden geschaut, leichte weiße schleier am horizont, und in der mitte des dreiecks das tiefe dunkel eines hofes, der durch einige hohe, alte bäume eine vitale und zugleich unheimliche dimension bekam. hier sammeln sich jedes jahr im herbst die stare in großen schwärmen, bevor der zug nach süden beginnt und die bewegung dieser hundertköpfigen, ballförmigen geschwader nach rechts, links, um ausrichtung bemüht im chaos, evoziert in mir noch jetzt das schwingen einer gigantischen fahne, die das symbol des aufbruchs und verlassens durch den himmel zieht.

"man kann nicht immer traurig sein, dafür ist die welt zu schön", sagt sie und mein wissen darum, dass sie recht hat, vermischt sich unweigerlich mit der schwarzen galle meines gewissens, da ich nicht anders kann, als das plebeische dieser aussage festzustellen. es ist der immerwährende versuch des armen und gebeutelten, sein leben schön zu finden, trotz aller wiedrigkeiten und aller last. trotz aller armseligkeit, trotz aller ungerechtigkeit, trotz all des hasses und der nutzlosigkeit und: trotz der endlichkeit des schönen.
schopenhauer würde wohl vom 'willen' reden, ich gehe mit nietzsche und spreche von der 'natur', die hier ihre so oft unbemerkte, doch unerbittliche knechthaft ausübt. in ihrem sinne, dem sinne des weitermachens, weiterlebens, fortpflanzens und gutheißens wird der moment auserkoren und emporgehoben zu einem loblied auf die schönheit dieses zarten augenblicks, allem aber zum trotz.

so schaue ich also mit ihr in das blau, das nun schon elemente von gelb und weiss enthält und bald schon dunkler, tiefer werden wird, wenn die sonne über berlin verschwindet. sie sagt, "eigentlich möchte ich noch gar nicht 67 sein" und diese mischung aus erschlagender wahrheit und naivität ist entwaffnend und wahrscheinlich auch so gedacht.
die plattenbaumauern unserer welt schränken weder herz noch fantasie dermaßen ein, dass nicht ab und an ein ausblick bliebe, zumindest ein vermeintlicher und kurzer.

we can build our dungeons in the air and sit and cry the blues,
we can stumble across this world with nails hammered through our shoes
we can join that troubled chorus and critizise and accuse
it don't matter much, no
cause we've got nothing much to lose,
but this wonderful world...

and if you find it
it's a wonderful world

ich habe aus meinem herzen eine mördergrube gemacht, wohl war, und ein bad aus kaltem stahl. an ein kleines abkühlbecken in einer ranzigen saunaanlage muss ich dabei denken, auch jetzt, wo ich in gesetztem ton meiner mutter gut zurede, alles im griff zu haben vorgebe - zumindest soweit es geht - und nicht (mehr) klage, worüber auch immer. was nützt es auch alles? der morgige tag wird sonnenschein bringen und palmengrün auf terracottafarbenem sand. die kommenden schläge des lebens liegen wahrscheinlich schon abgezählt bereit und es ist nur die frage, wann sie einsetzen und nicht ob. und ob ich ihnen mit senecas gesetztem spaziergang am strand seines exiles oder mit der verzerrten fratze eines dionysischen leidens zu begegnen versuche, bleibt letztlich einerlei.
einzig vergessen scheint mir eine lösung zu sein und die lotusphagen, von denen benn berichtet, die von der besagten pflanze essen und im vergessen leben, müssen wohl die glücklichsten menschen gewesen sein?


Sonntag, 12. September 2010

westwärts 2


wieder
weiter westwärts...

über wasser, land, geplatzte gasleitungen
und umringt von britischen boulevardzeilen
die den sittenverfall an der escort-affäre "rooney" festmachen:
junge mittelklasse-mädels geben sich für geld und aufmerksamkeit
der fussballelite und ihrem schweinsgesichtigen mittelstürmer hin.
interviews und abbite der eltern, freunde und politiker empört
angeblich beschämt fragt sich das schwarze weiss der öffentlichen meinung
ob so die verehrte nation noch bestehen kann.

zwischen den endlosen stunden verschieben die zeitzonen und die welten
etwas legt sich ab, was doch nie hinter sich zu lassen ist und
eine neue brille steht mir gut.
weder zeit für lamentieren noch für euphorie
weiterstolpern
später interpretiert man vielleicht es könnte ein weg gewesen sein...





Sonntag, 27. Dezember 2009

where have all those flowers gone? ...


where have all those flowers gone?
long time passin'
i keep on asking...

(beinahe massive attack)





Freitag, 20. November 2009

relations between things...


">>Relations between things are more important than things themselves.<<

Or, as some soul singer says,

>>It ain't the meat; it's the motion.<<"

(gefunden irgendwo in einem buchstabenhaufen zu ezra pound; schändlich, dass der 'soul singer' nicht benannt wurde, ihm gebührt der ganze ruhm...)

Sonntag, 8. November 2009

nachtrag



brinkmanns blumengruß...


Dienstag, 20. Oktober 2009

wiedermal astern ...


wiedermal astern ...

verdammt ich werde sie nicht los. wie tief sie sich schon in mein unterbewußtsein hineingedrängt haben - bemerkenswert! gestern laufe ich am eingang eines supermarktes vorbei und zucke schreckartig zusammen, als sich vor mir ein stapel dieser pflanzen im sparsonderangebot auftürmt. sofort die unumstößliche gewißheit: astern! es ist soweit, astern...

normaler weise begegnen einem pflanzen und blumen
hier ja nicht so besonders oft und wenn man sie sieht, haben sie meist etwas künstliches, sehr käufliches, doch wahrscheinlich war ich gerade deshalb so verängstigt, weil ich feststellen musste, dass es sie auch hier gibt und sie mich so schamlos auf offener straße anstarren. astern.

es waren auch wieder die dunkelhelllilanen des dr benn dabei; an sie muss ich denken und an die ersoffene brust des bierfahrers, aber vielleicht noch mehr an die kühllbaue einsamkeit, die sich einstellt, wenn die astern blühen und im stadtbild zu sehen sind. die luft schneidet ob der grade, die ihr zu fehlen beginnen und man weiss, dass für einen weiteren winter niemand wartet - und keiner von uns glaubt mehr an langes briefeschreiben wie einst rainer maria. also auch hier in der neuen welt: astern.

"willkommen in der blumensprache" - einer von brinkmanns schlägen ins gesicht dieser häßlichen gegenwart, die immer noch die gleiche ist, diesesmal aber nicht sarkastisch gemeint. per zufall nämlich nahm ich zur kenntnis, dass die aster in diesem zusammenhang eine bedeutung trägt, die mir noch nicht bewusst war:
astern = du bist mir nicht treu.

so genau wollte man es vielleicht gar nicht wissen oder ausdrücken, in jedem fall sollte man sich aber genauer überlegen, wem man diese blume schenkt und ob man sie sich ans revers heftet. es kommt mir jedenfalls vor, als ob ich sie schon immer mit mir herum trage und ich frage mich, ob ich damit wohl mehr sagen wollte?
und der dr benn??





Sonntag, 18. Oktober 2009

mir ist mal wieder klar geworden ...


mir ist mal wieder klar geworden, dass ich adorno nicht mag. ich lasse diese urteil durchaus in seiner einfältigkeit, allgemeinheit und ungerechtigkeit hier stehen, denn es handelt sich weniger um ein missfallen an seiner theorie als um einen aufruhr gegen seinen gestus, vielleicht seine persönlichkeit.
zu verschiedenen zeiten habe ich verschiedene texte von im angefangen zu lesen und immer wieder festgestellt, dass sie mich in ihrem kern unsäglich langweilen, wenn nicht sogar abstoßen. sowas von einem eindeutig als 'großem' philosophen anerkannten zu sagen, ist natürlich gewagt, bis halsbrecherisch, aber was soll ich machen? soll ich lügen?? oder die passage auslassen???
zu meiner entschuldigung mag ich auf mein unwissen hinweisen und anführen, dass ich die 'dialektik' noch nicht gelesen habe - sicherlich ein großartiges werk - ich bezweifle aber auch, dass ich es jemals tun werde. es ist, wie gesagt, schon der gestus der mich abstößt und der mich unweigerlich an den deutschen kleinbürger erinnert. verstoßener kleinbürgergeist, der sich furchtsam hinter marxistisch-dialektischem vokabular verbarrikadiert, allerweilen 'die gesellschaft' und das 'allgemeine' als mir vollkommen unklare meta-instanzen heranzieht und durchgehend lamentiert. zu recht das schreckbild des zaudernden und niemals zu potte kommenden intellektuellen. alles defensiv, alles rückzugsgefechte und ein vorwurfsvoller grundtenor gegenüber allen und allem.

na ja, soweit so schlecht.. eine sache wollte ich jedoch trotzdem zitieren, obwohl mir auch hier ein stachel stecken bleibt und das zitat nicht wirklich gut ist, sondern nur etwas anreißt, was man besser, impulsiver, expressiver, pointierter hätte schreiben können, wenn man die fähigkeit oder den mut dazu gehabt hätte. but still:

"Darin aber kommt des Verhältnis zu Menschen dem ästhetischen gleich. Der Vorwurf, daß einer nichts gebe, ist jämmerlich. Ward die Beziehung steril, soll man sie lösen. Dem aber, der daran festhält und doch klagt, geht allemal das Organ des Empfangens ab: Phantasie. Beide müssen etwas geben, Glück als das gerade nicht Tauschbare, nicht Klagbare, aber solches Geben ist untrennbar von dem Nehmen. Es ist aus, wenn den anderen nicht mehr erreicht, was man für ihn findet. Keine Liebe, die nicht Echo wäre."

(th. w. adorno, minima moralia, unbestellbar)

zwei bemerkungen dazu:

1.) meine unzufriedenheit mit diesem zitat kommt vielleicht daher, dass adorno die elemente, die man meines erachtes künstlerisch-gedanklich ausgestalten könnte und sollte, vollkommen emotionslos und uninspiriert übergeht. sicher 'soll' man eine beziehung lösen, wenn sie "steril" geworden ist, aber genau hierdrin liegt doch die crux. darin, dass genau jenes ein menschliches problem ist oder werden kann, das bis in die tiefsten emotionen, auswüchse und internen oder externen gewaltakte hineinführen kann. genau hier finden sich die (sinnlosen?) widersprüche, die es näher zu beschreiben gälte und die das leben in die hölle oder ad absurdum führen ("hell is the others" - satre). also, wiedermal an der wunde vorbeigeschrieben...

2.) die phantasie als das "organ des empfangens"? was ist denn das für ein blödsinn?? und dazu in der von ihm beschriebenen situation: demjenigen, der zu wenig liebe empfängt, geht die phantasie ab?? soll er sich die zuneigung einfach vorstellen und dann läuft it?!? mal im ernst, ich nehme ganz stark an, dass ich hier falsch gelesen haben muss, aber sonst ist es definitiv quatsch!

ich frage mich, ob meine beziehung zu t.w.a. noch irgendwann mal besser werden könnte. die zeichen stehen schlecht...