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Donnerstag, 27. November 2008

weitermachen...


zum wiedereinstieg das
vorwort aus brinkmanns gedichtband westwärst 1&2:

Vorbemerkung

Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht macht weiter, der Mond geht auf, die Sonne geht auf, die Augen gehen auf, Türen gehen auf, der Mund geht auf, man spricht, man macht Zeichen, Zeichen an den Häuserwänden, Zeichen auf der Straße, Zeichen in den Maschinen, die bewegt werden, Bewegungen in den Zimmern, durch eine Wohnung, wenn niemand außer einem selbst da ist, Wind weht altes Zeitungspapier über einen leeren grauen Parkplatz, wilde Gebüsche und Gras wachsen in den liegengelassenen Trümmergrundstücken, mitten in der Innenstadt, ein Bauzaun ist blau gestrichen, an den blauen Bauzaun ist ein Schild genagelt, Plakate ankleben Verboten, die Plakate, Bauzäune und Verbote machen weiter, die Fahrstühle machen weiter, die Häuserwände machen weiter, die Innenstadt macht weiter, die Vorstädte machen weiter. Einmal sah ich eine Reklame für elektrische Schreibmaschinen in einem Schaufenster, worin Büromöbel ausgestellt waren. Ein Comicbildchen zeigte, wie jemand Zeichen in eine Steinplatte schlug, und eine Fotografie zeigte eine Schreibmaschine. Ich war verblüfft. Wo ist der Unterschied, fragte ich mich. Sie wollten mir doch damit einen Unterschied klar machen. Hier sitze ich, an der Schreibmaschine, und schlage Wörter auf das Papier, allein, in einem kleinen engen Mittelzimmer einer Altbauwohnung, in der Stadt. Es ist Samstagnachmittag, es ist Sonntag, es ist Montag, es ist Dienstagmorgen, es ist Mittwoch, es ist Donnerstag, es ist Freitagnachmittag, es ist Samstag und Sonntag. Es ist ein erstaunliches Gefühl, meine ich, das den Verstand erstaunt. Nun erinnere ich mich, an mich selbst, und da gehe ich eine lange Strecke zurück, gehe über warme Asphaltschichten von Seitenstraßen, die Turnschuhe kleben daran, aus einer Musikbox, ganz weit zurück, kommt Rock’n’Roll-Musik und läßt mich die lateinische Übersetzung vergessen. Ich haue ab, trete über verharschte Wiesen im Winter, außerhalb des Ortes, schleppe die Schultasche mit den Büchern mit mir herum, bis Mittag ist und ich zum Mittagessen kann, hellweiße kalte Vormittage in Norddeutschland mit den Wetterberichten nach den Nachrichten. Zwischen den weißen, frischen, zusammengelegten Bettlaken im Schlafzimmerschrank lag immer eine kleine matt-schwarz glänzende Pistole, bequem für eine Handtasche. Und wie war das Wetter, als ich geboren wurde? Meine Eltern waren jung, sie sprachen deutsch. Ich mußte das erst lernen, man wächst immer in eine schon gesprochene Welt rein. Das Lernen macht weiter. Deutsch macht weiter. Wiesen im Winter und warme Asphaltstraßen machen weiter, die Straßenecke macht weiter, die Wetterberichte machen weiter, die Bücher machen weiter, Pistolen, Schultaschen, Turnschuhe machen weiter. Die Nachrichtensprecher machen weiter. Der Sonntag macht weiter. Der Montag macht weiter. Der Postbote macht weiter. Der Dill macht weiter, und die Blätter machen weiter, die Zwiebeln, die Kuh, die Steine, der Film. Der Schallplattenspieler, repariert, macht weiter. Auch die Interpretationen machen weiter. Es sind die Bücher. Ich muß bei diesem Satz sehr lachen. Das Lachen ist angenehm. Als ich in einem gräßlich eingerichteten Apartment in Austin morgens gegen fünf Uhr auf dem vollgepackten Koffer kniete und die Kofferschlösser zuzukriegen versuchte, hörte ich aus dem Radio ein Lied, das mir sofort, nachdem es angefangen hatte, gefiel. Ich stelle das Lied, so wie ich es nach der Schallplatte aufgeschrieben habe, als erstes Gedicht hierher, denn mir gefällt es noch immer, und ich denke, daß das Lied gut als Zitat für meine Gedichte paßt. Der Beifall macht weiter, die Wörter machen weiter, die Knöpfe machen weiter, der Stoff macht weiter, das Marihuana macht weiter, was hat die Grammatik mit Marihuana zu tun? Das Marihuana war sanft und würzig. Die teueren Vororte sind durch Stille gesichert. Manchmal gibt es dort keine Fußgängerwege, und nur manchmal sieht man, beim Hindurchgehen, ein erhelltes Fenster, ganz oben, unterm Dach. Davor werden Bäume bewegt. Im Moment habe ich keinen Hunger, obwohl ich weiß, daß der Hunger weitermacht, der Moment weitermacht, die Erde weitermacht, die sozialen Lagen machen weiter, und der Hund, der in der Nachbarwohnung eingesperrt ist und schon den ganzen Morgen bellt, macht weiter. „Die Erklärung ist sinnlos. Der Finger ist sprachlos", wie R. D. Laing sagt. Ich blättere durch Bücher. Ich fliege etwas und sehe: „So wie der Nahrungstrieb sich subjektiv als Hunger und objektiv als «Tendenz» zur Erhaltung des Individuums präsentiert, so der Sexualtrieb subjektiv als Bedürfnis nach Sexualbefriedigung und objektiv als «Tendenz» zur Erhaltung der Art. Diese «objektiven Tendenzen» sind aber keine konkreten Gegebenheiten, sondern bloß Annahmen. Es gibt in Wirklichkeit ebensowenig eine Tendenz zur Erhaltung der Art wie eine solche zur Erhaltung des Individuums.“ Erstaunlicher Wilhelm Reich, schöne Sexualität, die weitermacht, und tatsächlich, Utopia ist eine Kiste. Das Geld macht weiter, und die Zusammenbrüche, wie die Songs weitermachen. Ich hätte gern viele Gedichte so einfach geschrieben wie Songs. Leider kann ich nicht Gitarre spielen, ich kann nur Schreibmaschine schreiben, dazu nur stotternd, mit zwei Fingern. Vielleicht ist mir aber manchmal gelungen, die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus. Mag sein, daß deutsch bald eine tote Sprache ist. Man kann sie so schlecht singen. Man muß in dieser Sprache meistens immerzu denken, und an einer Stelle hörte ich, wie jemand fluchte: Ihr Deutschen mit Euren Todeswünschen, wenn Ihr sprecht! Bezogen auf die Erfindung der Psychoanalyse stimmt das. Was für Entzückungen eine Straße entlangzugehen, während die Sonne scheint. Die Gedichte, die ich hier zusammengestellt habe, sind zwischen 1970 und 1974 geschrieben worden, zu den verschiedensten Anlässen, an den verschiedenen Orten, ob sie gut sind? fragst Du. Es sind Gedichte. Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weitermachen. Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier.

R. D. B. 11./12. Juli 1974, Köln

Freitag, 24. Oktober 2008

nachtrag: dem steinernen gast


so, nun endlich in der von brinkmann vorgegebenen graphischen anordnung:





(rdb, westwärts teil 2)

Donnerstag, 23. Oktober 2008

und wie Plunder...


[...] und wie Plunder
brennt unsere Hoffnung
in die ausgezährte
Nacht ein Irrlicht den Säuen
zum Trog

(RDB, An Gryphius)


Donnerstag, 16. Oktober 2008

Es ist tatsächlich nicht einzusehen ...


schon vor einiger zeit habe ich vollmundig verkündet, dass ich einige, so wundervoll politisch inkorrekte zitate rolf dieter brinkmanns zur hand hätte und demnächst präsentieren wolle. dem ist wirklich so, aber ich komme einfach zu gar nichts. man sollte diese lästigen realitätsanforderungen einfach abschalten... bevor ich nun aber übers wochenende kurz entschwebe, wollte ich zumindest ein kleines schmanckerl von ihm da lassen:


„Es ist tatsächlich nicht einzusehen, warum nicht ein Gedanke die Attraktion von Titten einer 19jährigen haben sollte, an die man gerne faßt …“


(RDB, Der Film in Worten)


das nenne ich wahren idealismus! der aufbruch von kunst und intelligenz in ganz neue dimensionen der selbstverwirklichung... ;-)



For life is quite absurd
And death's the final word.
You must always face the curtain with a bow.
Forget about your sin.
Give the audience a grin.
Enjoy it. It's your last chance, anyhow.
So,...

Always look on the bright side of death,
Just before you draw your terminal breath.

Life's a piece of shit,
When you look at it.
Life's a laugh and death's a joke it's true.
You'll see it's all a show.
Keep 'em laughing as you go.
Just remember that the last laugh is on you.
And...

Always look on the bright side of life.
Always look on the right side of life.

(monty python, life of brian)




Sonntag, 5. Oktober 2008

dem steinernen gast


ich erinnere steife dielen und die stunden der tierwerdung, nicht in der parisbar, aber an orten die ebenso einen vorhauch von schwefel kaum übertünchen konnten. blickcollagen deren zwischenräume halbstundenintervalle eingenommen haben mögen und der abschied auf polnisch, queer-beet. die imposante steinerne figur gelehnt an den pfeiler – es hätte nicht wunder genommen, wenn sie jeden moment zu leben erwacht und einen richterspruch ausgesprochen oder gleich vollzogen hätte. meistens aber blieb sie stumm.
its been too long, dass sich dergleichen nicht mehr ergeben hat, vielleicht ist die zeit eh vorbei. erinnert wurde ich durch die zeilen von brinkmann, dem alten kölner und noch immer lassen mich die girlanden grübeln... ein schillerndes, ein zweifelhaftes wort, das ich mit zu bett nehmen werde am ersten wirklich miesen herbsttag dieses jahres.


Ich möchte Wörter benutzen, die

nicht zu benutzen sind. Ich möchte sprechen zu denen, die ich

liebe,

sollte ich mir

ich möchte das nur wieder einmal zeigen, was darin ist?

Ich möchte nicht verladen werden. Ich schaute auf

Gehirn aufbrechen und

über einen Tanzboden schwofen

ohne Girlanden, ich möchte einfach

diese Wörter.

nur einfach ohne Erklärung sein

(RDB, Westwärts, Teil 2)


ps: durch die formatierung is jetzt was anderes rausgekommen als es eigentlich sollte aber auch das ist vielleicht ganz interessant... somit kein zitat sondern: wortsalat nach brinkmann


Sonntag, 14. September 2008

rauchen


es ist mal wieder zeit für meinen alten freund rolf dieter. ich habe in der letzten zeit sehr interessante sachen von ihm gelesen, wovon einiges mit sicherheit hier hingehört. da wir heute sonntag haben, den tag des herrn sozusagen, wollen wir es aber erstmal bei leichter muse belassen und die politisch inkorrekten dinge für die arbeitswoche aufheben...

außerdem können wir auf diese weise ein thema aufgreifen, das den einen oder anderen von uns persönlich betrifft und durchaus anregend auf einen differenzierten und verantwortungsbewussten umgang hinwirken könnte.

zuerst also brinkmann. in der einleitung seiner anthologie neuer amerikanischer gedichte zitiert er einen Joe Brainard, dessen Artikel mir sehr gefallen hat:

"Das einzige, was mit den Leuten nicht stimmt, ist: daß sie nicht genug rauchen. Ich rauche vier Päckchen am Tag und bin stolz darauf. Warum nicht? Wir alle wissen genau, daß wir nicht schon morgen an Krebs sterben oder übermorgen oder / und dann den Tag - also, was soll's? Ich habe täglich vier Päckchen geraucht, seitdem ich 14 Jahre alt bin, und bin stolz darauf. Und wenn ich auch Krebs kriegen werde, würde es nicht viel ausmachen. Wenn man irgend etwas tut, sollte man es so gut wie nur möglich tun.
Eine andere Sache, die ich nicht leiden kann, sind Leute, die Mentholzigaretten rauchen. Ich weiß nicht genau, warum, aber irgendwas ist daran falsch.
Es gibt so viele verschiedene Sorten von Zigaretten, daß es einem schwerfällt zu entscheiden, welche Sorte man rauchen soll. Die Entscheidung wird leichter, wenn man zuerst die Möglichkeit ausscheidet, Mentholzigaretten zu rauchen, und dann zwischen Filter und ohne Filter wählt. Es ist hauptsächlich eine Frage des Geschmacks. Ich rauche Filterzigaretten, aber wie ich schon sagte, es ist hauptsächlich eine Frage des Geschmacks.
Wenn es etwas gibt, das ich nicht leiden kann, dann sind es Leute, die überhaupt nicht rauchen. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Einige Leute sagen, daß es zu teuer sei, aber wenn jemand wirklich wie wild rauchen möchte, kann er es und wird er es auch."

soweit, so gut. natürlich sind in diesem zitat nicht die panikattacken enthalten, die brinkmann zu hauf hatte (und in den materialbänden festhielt), die sich einstellten, wenn sein bein schmerzte und er befürchtete, es müsse ihm abgenommen werden; aber so ist das mit literatur, so ist das mit geschriebenem: es ist zu jeder zeit eine pose und wir spitzen zu auf das interessante, auf das herausragende und wer schert sich schon um den rest? es soll faszinieren, wenn’s geht, und die differenzierung, den tag danach besorgt sowieso die realität, das muss man nicht auch noch in lettern festpressen... und wer weiß auch, wie es gelaufen wär, der rechtsverkehr hat ihn dahingerafft und ihm lungenkrebs und amputationen erspart/ verwehrt.

gerade gestern traf ich übrigens jemanden, der wirklich mentholzigaretten raucht und ich muss sagen, dass mich das gleiche vage gefühl überfiel wie unseren Joe – irgendwie stimmt da was nicht...


zum abschluss aber nun noch mein solitär, mein wirklich unangefochtener held - körschgen:





Montag, 19. Mai 2008

Frühsommer

Die letzten Wochen, jene Wochen des hereinbrechenden Frühsommers in Berlin, mit ihrem zartweichen Blau, mit ihrer ersten durchdringenden Wärme und dem überraschenden und so zauberhaften Gefühl der Befreiung, lassen mich im Rückblick hier verwundert stehn. Die überwältigende Schönheit dieser Momente verbunden mit der kindlichen Naivität überrascht zu sein, dass es so kommt, dass der Winter irgendwann endet, dass die Sonne wärmt und ein Gefühl der Zufriedenheit produzieren kann, ohne dass etwas weiteres passiert wäre, eben nur dadurch, dass sie strahlt und der Himmel Raum zu haben scheint. Eine ungewohnte Leichtigkeit stellt sich ein, der man sich kaum entziehen kann. Sie überkommt einen unbeschwert und ohne Anstrengung, ohne Nachdenken und Forcieren, sie ist da mit dem Licht und fragt nicht nach, ob sie bestellt worden wäre. Sie bedarf keiner Rechtfertigung.

„The smiles return to their faces“ und man meint kurzzeitig in einer anderen Stadt, in einer anderen Welt zu leben. Die Gesichter hellen auf und eine unangespannte Freundlichkeit breitet sich aus, über die man durchaus stutzig werden könnte. Man wird’s aber nicht, weil man es genießt. Die Röcke werden zum ersten Mal wieder rausgeholt, die Kleider enger, bunter und mit sichtbarem Zug zur Haut. Die Blicke verstoßen sich nicht, halten länger und die junge Dame auf dem Weg schaut gar zurück. Ich gebe zu, ich habe mir den Hals nicht nur vereinzelt verrenkt, die Verblüffung über erahnte weiche Brust, schwingende Bewegungen, gerundete Proportionen und die stilschweigende Zustimmung des Gegenüber war nicht nur verführerisch, sie war zwanghaft!
Und damit sind wir beim Thema: Die alte abgewrackte Menschheitsschau! sie findet in mir statt! sie explodiert in jeder Sekunde in meinem Kopf!! Sie zieht meine Sehnen, sie dreht meinen Kopf, sie hebt meine Stimmung. Die Unfreiheit der Reaktionen ist erniedrigend und das nicht nur bei mir, weil ich meinetwegen ein besonders übles Exemplar dieser Spezies wäre (was natürlich wiederum auch nicht ganz ausgeschlossen werden kann).
Es ist ein bisschen Sonne, ein wenig Freizügigkeit und fehlende Abweisung, die die Welt auf den Kopf stellt, alles verändert im Gleichen und in zwei Wochen verzogen sein wird.

Ich reagiere genau auf die zur Schau gestellten Körperteile, unterbewusst und danach mit einem Geschmacksurteil der ‚Schönheit’, des Außergewöhnlichen, Beeindruckenden, der Ver-/Bewunderung, das gedanklich nachzulegitimieren sucht. Und ich glaube nicht, dass meine Gegenüber in den meisten Fällen bewusster zur Schau stellen als ich erfreut zur Kenntnis nehme, als ich nachblicke und meinen Hundereflex vollführe. Propagation makes the world go round und unsere Zwänge sind wohl eingerichtet: „Brüder über'm Sternenzelt/ Muss ein lieber Vater wohnen“ – ganz bestimmt...

Die Frage ist nur, muss es für mich ein Problem darstellen, ein sabbernder Hund zu sein? Muss ich darunter leiden zu erkennen, dass ich unfrei bin und andere, tiefere Gewalten an meinen Strippen ziehen? Muss ich mich schämen, ein Teil der unten von Brinkmann beschriebenen, hässlichen Schau zu sein und nicht auszubrechen, nicht ausbrechen zu können? Nicht das ganze System oder mich selbst hochzujagen, weil gerade diese tiefen Impulse der Selbsterhaltung davon abhalten (vielleicht um im nächsten Sommer wieder für zwei Wochen einmal im Jahr zwanglos präsentierte Brustsilhouetten sehen zu können??).
Das einzige konsequente Verhalten gegen diese Zwänge, das völlige Verwehren der kreatürlichen Impulse, wie es bei den Einsiedlern und Gläubigen, den Fundamentalisten und Irren auftritt, könnte selbst wieder eine körperliche Disposition sein. Aus biologistischer Sicht natürlich eine fehlgeschlagene (Biologismus hat einen deutlichen Zug zum politisch Inkorrekten), da sie Fortpflanzung verhindert, aber ein Masochismus des Glaubens an bestimmte Werte/ Ideale ist mir durchaus in einer Erklärung des hormonell gesteuerten Gefallens denkbar.

Ist es ein falsches Menschenbild, dass ich trage und das mir in der Konfrontation mit der von mir so wahrgenommenen ‚Realität’ Schmerzen bereitet und den Gedanken an Ungenügen und Überdruss aufkommen lässt? An Ekel? Ein Glauben an längst widerlegte Bestimmungen und Fähigkeiten dieses Wesens Mensch? Und an seinen Abklatsch Ich?

Ich weiß es nicht, aber mir scheint, die innere Rebellion, zumindest das Aufzeigen, dass man diese Strukturen zur Kenntnis genommen hat, dass man sie nicht akzeptiert, auch wenn man ihnen ausgeliefert ist, als eine halbwegs ‚würdige’, angebrachte Verhaltensweise. Sie ändert nichts, sie hebt auch nicht das Selbstwertgefühl, aber sie scheint eine Variante, ein Aufschieben, ein Zeitgewinn für einen (manchmal) denkenden Menschen.

„Die einzige eines höheren Menschen würdige Einstellung ist das beharrliche Festhalten an einer Tätigkeit, die er als nutzlos erkennt, das Unterwerfen unter eine Disziplin, von der er weiß, daß sie fruchtlos ist, und das rigorose Anwenden philosophischer und metaphysischer Denknormen, deren Bedeutungslosigkeit er erkannt hat“.

(Fernando Pessoa)

Donnerstag, 1. Mai 2008

"DIE ALTE, ABGEWRAKTE MENSCHHEITSSCHAU!"


Und nach diesen Stunden vor und zwischen Hüpfburgen, Lollis, Bobcars, fröhlichen oder leicht entnervten Muttis, stolzen Vätern, die aber auch gern mal als Packesel und Zahlmaschine missbraucht wurden, nach dem erhebenden Blick von strahlenden Kinderaugen, ebenso wie kreischenden Krokodilstränen, über heruntergefallene, pinke Erdbeereiskugeln oder die Missgunst und das ausschließende Verhalten der Geschwister und ersten Spielkameraden, nach Abfertigung im Spargelkanal mit Wireless-Bestellung der Serviererin direkt vom Eßtisch aus und den Buden mit Wurzelpeter und Beelitzer Spargel, aus Holz und Bast gefertigten Entenimitaten und blau erblühenden Teich- und Seerosen, kann ich es mir nicht verkneifen, ein weiteres Zitat aus der zerrissenen Psychologie Rolf Dieter Brinkmanns hinterher zu schicken:

Mittwoch, 3. November 1971 schlafen gegangen (Bett wieder umgestellt in mein Zimmer vorne)/ lebe ein recht unabhängiges Leben von M. und R./ Zustand: Fühle mich vom Kopf aus körperlich gejagt!! / (UND das ist die Formel!): da anfangen!!)/ Modderleben? Mal sehen, Die großrednerischen Jungs cum Ästheten haben keinen blassen Schimmer!/ Oft dacht ich: ich bin der letzte Mensch/ und ich war der letzte Mensch, wenn ich nachts so rumwanderte durch diese dumpfen Straßenkanäle, das elektrische Versuchslabyrinth, wo man von allen Seiten fertiggemacht wird, so daß man weniger war alsn Stück Scheiße/ und dann mein Haß gegen die von allen Seiten auf mich einstürmenden miesen Eindrücke, die mir beibringen wollten, daß Leben keine Bedeutung habe/ und der Schock, als ich zu begreifen anfing, daß jede Sekunde Geld die beherrschende Rolle spielte, daß es nichts gab, hinter dem nicht Geld auf irgendene Weise steht//: und mit Geld das soziale Rangverhalten genauso wie bei der Hackordnung der Hühner, also dieses Tierleben, ich sah das, selbst wenn sichn Intellektueller als Intellektueller aufspielte, kotzt mich an!!/ diese ständige Beweisführung der Personen, seis mit Geld, mit Kleidung, mit Aussehen, mit Geist, mit Büchern, die jemand veröffentlichte, oder mit dem Wagen, den er fuhr, seis mit der Frau, die er fickte, überall spielte diese tierhafte Hackordnung mit, und überall dieses anstrengende Sich-Aufspielen vor Fotzen, und die Fotzen arbeiteten aus einem enorm tiefen, tödlich sicheren Instinkt heraus, selbst wenn sie das im einzelnen nicht wahrhaben wollten und wollen, sie zogen die Fäden, nach denen man die Glieder bewegte, die Schritte lenkte, Grimassen schnitt, nämlich sie erhalten die Art und arbeiten mit diesem Art-Erhaltungsinstinkt auf allen Ebenen, zugleich gekoppelt mit diesem Rangordnungsdrang, denn je höher [man] tierhaft im Rang steht, desto besser und sicherer und angenehmer das Geschäft der Arterhaltung und umso leichter, und daß wurde weiter und weiter fortgesetzt durch die Industrie, die genau diese Ebenen aktivierte und aktiviert, permanent, und so wurde diese Gegend mehr und mehr zu[m] kotzen und verwüsteter/: DAS IST, WAS LÄUFT: DIE ALTE, ABGEWRAKTE MENSCHHEITSSCHAU!/ und ich bin darin bislang wie ein naiver Idiot herumgetappt und habe geredet, immer von diesem Anderen geredet, daß erst danach beginnt und war immer entsetzt von diesem Scheiß-Dasein auf der Tierebene//: JETZT kann ich das zu[m] ersten Mal etwas sehen!: und ich kann mich selber in meiner Art sehen, in meinem Ziel, meiner Bewegung, hat 30 Jahre und viel Zerstörung gedauert!!//“



Sonntag, 13. April 2008

RDB zu Sex

"(zu Sex): also zerlegte ich einmal kalt und ohne mich zu beteiligen so ein Pressebild, und da sah ich, die Bewegung der Augen, die kontrolliert wurden von so ein paar Titten zwischen glimmernden Straß und Klunkern/ und was geredet wurde, das spielte überhaupt gar keine Rolle, das war nur die Wortschau/ und so begriff ich, wie immer so weibliche Körper mit Nacktheit und Klunkern die Augen und die Gedanken kontrollieren, und immer war da dieser bettelnde tierhafte versteinerte Hunger, der sich auf eine Art grässlicher Wunde lautlos öffnete/ und :: was ging denn da vor sich? (ich meine über all das Wortgeflimmer hinaus!)/ und die Geschichte, die da ablief, war wieder so eine Reduktion/ immer legt da sowas wie eine Frau ein paar Teile ihres Körpers aus, so Geschlechtsteile wie ein paar Köder/ und da kommen sie auch schon von allen Seiten angekrochen, schnüffeln und schauen sich um und knurren/ wer hat bloß diese lumpige Mär von den unterdrücken Frauen verbreitet?/"

(Rolf Dieter Brinkmann, Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Reise/ Zeit / Magazin (Tagebuch))

Wunderbar politically incorrect, der Rolf, nicht wahr?