"In der Wissenschaft spielen Publikationen eine entsprechende Rolle. Mit einer Publikation muß ein Wissenschaftler zeigen, daß er die Publikationen anderer beobachtet, sich auf den Stand der Forschung bezieht und etwas Eigenes hinzutut, um sich damit der Kritik auszusetzen, also selbst sein Produkt für Beobachtetwerden verfügbar zu machen. Ohne solche Selbstkontextierung haben 'Ideen', sie mögen noch so interessant und zukunftsweisend sein, keine Chance."
Der Mann, der einen Knüller brauchte. Seit Jahren war ihm nichts mehr gelungen, keine große Geschichte, kein Knaller. Da wird man leichtsinnig, leichtgläubig, klammert sich an jeden noch so dünnen und waghalsigen Strohhalm, kann nicht sehen, will nicht sehen, dass es Luftschlösser sind, Seifenblasen. Möglicher Weise Scharlatanerie... Zum einfachen Mann war er nicht geboren, der Herrmann, zumindest seinem Empfinden nach nicht. Es mussten immer die großen Geschichten sein, die Knüller eben, alles andere erfüllte nicht seine Brust, war gar nicht denkbar, fiel nicht in den Bereich des Darstellbaren. Ein Träumer eben, der Herrmann, ein Großkotz auch - auf jeden Fall - ein Ekel, aber ein Träumer vor allen Dingen. Jemand, der seine Situation nicht richtig einschätzen konnte, seinen Platz nicht fand und daraufhin zum großen Gamble bereit war. Vielleicht auch ein bisschen Biberkopf, Franz, zumindest in dem Sinne, dass sich Einiges gegen ihn verschworen hatte, wie es schien. Die unbeschreiblichen, die unwirklichen Mächte wirkten im Hintergrund, die Stadt, das Schicksal, wer weiß schon was, aber "es" schien sich verschworen zu haben. Und beide, Franz und Herrmann, konnten nicht entrinnen...
He was 38 years old when he jumped off of the terrace of a “spa” - and died. At least, that is what Wikipedia says... Maybe he thought he could fly like the birdman. Maybe he was just sick of it all and demurred the end of his water polo career; the Olympic Gold Medal, the two world championship titles all in vain? Well, at least he avoided the fate of his friend, a former handball player, who married a Spanish duchess, and is now in prison for embezzling several million Euros of public funds... It was the 11th of March, not the Iden, I guess, when Jesús leaped forward, making his final step into the unknown. No doubt, he was an explorer… None of the awards, none of the decorations could pull him back, nor his wife, nor his daughter. I hear he used to take drugs, couldn’t handle them. But who would point fingers? He stands tall in front of me now, with his 1,86 meters and 74 kilos, his crooked teeth and whimsical smile. Salud, Jesús! I wonder what your last thoughts have been…
Robert Johnson and the devil, man Don't know who is gonna rip off who... (Nick Cave, Higgs Boson Blues)
One of his absolute best. More than all the scholarly pieces in the world could ever distort and skew, poured into a couple of lines, uncovering the abyss. Look! Here come the missionary
With his smallpox and flu
Saving them savages with his Higgs Boson Blues...
Es ist
grausam, wenn man nicht machen kann, was man machen will. Wenn man kein
Talent für das hat, was einem am meisten am Herzen liegt. Meine Verlobte lacht
im Schlafzimmer über irgendwelche Facebook-Idiotie und ich sitze hier und zerbreche
an meinem gescheiterten Leben. Auch das eine Farce der übelsten Sorte. Wer
erbärmlicher ist, bleibt fraglich.
I wake with the sparrows and I hurry off to work
The need for validation, babe, gone completely berserk
I wanted to be your Superman but I turned out such a jerk
I got the abattoir blues
I got the abattoir blues
I got the abattoir blues
Right down to my shoes
bei mir darbten die hungrigen - wenn es sie denn gäbe. doch ich gebe zu, dass ich jenes durchaus als selbstanklage verstehe, auch wenn sie sich im mantel der hypothese versteckt und verschanzt. schreiben, mit details oder ohne, ist sicherlich ein akt des heraustretens und somit auch ein angebot an andere in zeiten der unsicherheit - ganz egal, ob jemand hungert oder liest, oder die worte wie schritte auf dem gerichtshausflur verhallen. die server-farmen dieser welt registrieren sie ganz bestimmt...
"In writing with detail, you are turning to face the world. It is a deeply political act, because you are not just staying in the heat of your own emotions. You are offering up some good solid bread for the hungry."
Sieben Jahre blieb Hans Castorp bei Denen hier oben, - keine runde Zahl für Anhänger des Dezimalsystems, und doch eine gute, handliche Zahl in ihrer Art, ein mythisch-malerischer Zeitkörper, kann man wohl sagen, befriedigender als etwa ein trockenes halbes Dutzend. Er hatte an allen sieben Tischen des Speisesaales gesessen, an jedem ungefähr ein Jahr. Zuletzt saß er am schlechten Russentisch, zusammen mit zwei Armeniern, zwei Finnen, einem Bucharier und einem Kurden. Er saß dort mit einem Bärtchen, das er sich mittlerweile hatte stehen lassen, einem strohbloden Kinnbärtchen ziemlich unbestimmter Gestalt, das wir als Zeugnis einer gewissen philosophischen Gleichgültigkeit gegen Äußeres aufzufassen gezwungen sind. Ja, wir müssen weitergehen und diese Idee einer persönlichen Neigung zur Vernachlässigung seiner selbst in Verbindung bringen mit einer ebensolchen Neigung der Außenwelt in Beziehung zu ihm. Die Obrigkeit hatte aufgehört, Diversionen für ihn zu ersinnen. [...] Man ließ ihn in Ruhe - ein wenig wie einen Schüler, der des eigentümlich lustigen Vorzuges genießt, nicht mehr gefragt zu werden, nichts mehr zu tun zu brauchen, weil sein Sitzenbleiben beschlossene Sache ist und weil er nicht mehr in Betracht kommt, - eine orgiastische Form der Freiheit, wie wir hinzufügen, indem wir uns selber fragen, ob Freiheit je von anderer Form und Art sein könne, als ebendieser. Jedenfalls war hier einer, auf den die Obrigkeit fürder kein sorgendes Auge zu haben brauchte, weil es gewiß war, daß in seiner Brust keine wilden und trotzigen Entschlüsse mehr reifen würden, - ein Sicherer und Endgültiger, der längst gar nicht mehr gewußt hätte, wohin denn sonst, der den Gedanken der Rückkehr ins Flachland überhaupt nicht mehr zu fassen imstande war...
"Die Lage in Berlin ist schlecht. Das Einzige, was es bietet, sind Spannungen, täglich, stündlich, geistig und materiell. Ein Netz von Funken und Stahlen (sic!) fluoresziert ohne Unterbrechung über seinen Dächern. Ich glaube, daß weder Paris noch London so die Zeichen der Gefahren trägt, die uns alle bedrohn. Hier ist Karthago vor der letzten Zerstörung und Pompeji, ehe der Vulkan began. Aber auch ein schöner Spätsommer ist augenblicklich mit dem schon fahlen Licht und dem Zögern der Rosen und der Stunden. Also etwas für die morbiden Empfangsapparate, wie es das von Herrn Rychner geschilderte 'Lyrische Ich' besitzt."
beide zitate ein unerwarteter fund in bern: (fast) der ganze benn in zwei passagen...
Das Heimweh nach den verrauchten, versoffenen Kreuzberger
Kneipen... Den alten in Schöneberg, neuen in Kreuzkölln und wenn es sein muss
auch den schicken-schnieken-posigen in Prenzlauer Berg. Besonders in den ersteren aber meint man, würde es geschehen. Da wo Cave und Bowie gesessen
haben, würde auch jetzt, vielleicht ein paar Meter oder Kilometer weiter, sich
die Erde um sich selbst drehen und ein paar Menschen dieses Faktum ganz neu erkennen
und für uns arme Sünder in Verse und/oder Noten fassen. Der Absturz in Kreuzberg
hat etwas Existentielles, Eigenes, auch wenn alle Welt heut über Touristen oder
Schwaben oder Flüchtlinge meckert. Die Schwerkraft dort ist eine andere und sie
lädt das Verweilen, das Sich-Gehen-Lassen, das Verzweifeln, das
Sich-Selbst-Durch-Suff-Zugrunde-Richten, das Selbstmitleidigsein auf. Es
scheint mir dort ein Sport zu sein und zwar einer der edelsten, vergleichbar
nur mit Duellen auf Leben und Tod aufgrund eines völlig absurden Vorfalles. Ich
muss an Benn denken – mal wieder – wie er von Georges Zusammentreffen mit
jemanden berichtet - in einen Restaurant, einer Bar? Man traf sich „wie zu
einem Duell“ mit Hut und im Frack, um ein Komma im Text, in einer Strophe zu
diskutieren. Vom selben Ernst beseelt sind die Herren im Wild at Heart, in der
Milchbar, im Trinkteufel meiner Erinnerung, schon halb unter dem Tisch, nichts
mehr zu sagen, wahrscheinlich schon von der Minute an, in der sie eintraten,
nun aber for sure. Oder kommt da doch noch ein Gemurmel vor? Ein Goldstück
gequirlter Mäusescheiße? Eine Sekunde der Einsicht ins eigene Gescheitertsein,
in die bauchflaue Leere, die sich vielleicht gegen vier oder auch erst halb sechs
einstellt? Die Vorahnung auf eine eiskalte, schwarzdunkle Berliner Winternacht,
die einem beim Austritt entgegenschlägt? Hoffnung auf einen traumlosen und
urteilsfreien Schlaf, der endlich vergessen lässt? Der Morgen wird kommen, aber
jetzt, jetzt noch nicht. Jetzt ist noch ein Rest an Zwischenzeit übrig,
jenseits und drüber und drunter hinweg, von wem davon? Oh ja, VON ALLEN! Mein
Gehirn wird mich schon zu bald wieder in Beschlag nehmen, jetzt jedoch noch
einen Moment Freiheit, die immer die Abwesenheit von Entscheidung, das Zaudern,
das Scheitern ist. Und gescheitert wird hier, im Kreuzberg meines Schädels,
nicht zu knapp.
"Und wenn das Altern, das den Halbheiten ein Ende setzt, die in
jugendlichen Bohèmezeiten eingesteckten, selbstgewählten und vorläufigen
Ablehnungen in ein unwiderrufliches Scheitern verwandelt, bescheiden
Schriftsteller niedgriger Herkunft sich leichter mit 'industrieller
Literaturproduktion', die aus dem Schreiben eine Tätigkeit macht wie
andere auch; sofern die verbittertsten unter ihnen nicht ganz ins
Gegenteil verfallen und sich den niedrigsten Verrichtungen politischer
Polemik hergeben."
(Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst)
ps: bei bourdieu stehen 'schriftsteller' nur stellvertretend für die gesamte bagage des intellektuellen feldes. künstler und wissenschaftler sind ausdrücklich mit eingeschlossen...
MÜLLER [...] Das, worum es bei der Baader-Meinhof-Problematik geht, ist
insofern auch für uns [in der DDR, AEM] relevant, als es natürlich sehr viel schwieriger ist,
wenn eine Revolution sich nur noch im Alltag vollzieht. Dann wird es, gerade
für Intellektuelle, sehr schwer, nicht depressiv zu werden. Ein Intellektueller
braucht doch immer ein bißchen Theater, ein bißchen Glanz. Und solange das so
ist, geht es. Wenn es dann darum geht, Arbeitsschutzbestimmungen durchzusetzen,
was für die meisten Leute viel wichtiger ist als das, was die Intellektuellen
so wollen, da wird es dann zu einem Problem für die Intellektuellen, noch bei
der Stange zu bleiben.
LAUBE Sie meinen, daß der Intellektuelle auch eine gewisse
Theatralisierung der Wirklichkeit braucht?
MÜLLER Es fällt ihm schwer, sich an die Wirklichkeit zu
halten und sich nicht zu langweilen.
„Ein Missvergnügter ist Jemand, der sich mit der Welt entzweit hat und dies am eigenen Leibe zu spüren bekommt. Fortuna hat ihm etwas vorenthalten, und nun ist er darüber verstimmt und wird ihr zum Trotze unglücklich sein. Die Wurzel seiner Krankheit ist ein sich selbst schmeichelnder Stolz und eine zur Gewohnheit gewordene Empfindlichkeit, wenn etwas seinen Launen zuwider läuft; und der Grund dafür ist gewöhnlich einer von diesen dreien: ein strenger Vater, ein zänkisches Weib oder sein gescheiterter Ehrgeiz. Er hat das Wesen der Welt nicht eher in Rechnung gezogen, als bis er es zu spüren bekam; und nun fallen alle Streiche um so schwerer auf ihn, weil sie nicht seiner Erwartung entsprechen. Er hat nunmehr allem außer seinem Stolze entsagt und ist doch noch voller Dünkel in der eitlen Zurschaustellung seiner Melancholie. Seine Haltung ist von einer einstudierten Achtlosigkeit; er hält die Arme verschränkt und läßt den Kopf ebenso nachlässig hängen wie ihm der Mantel am Leib hängt; und einem Hutband ist er ebenso feindlich gesonnen wie dem Glücke. Er klagt über die Zeitläufe und die Aufsteiger und seufzt über die Vernachlässigung von Männern von Talent, das heißt solchen, wie er selber einer ist. Sein Leben lang befleißigt er sich der Satire, und beständig geißelt er die Eitelkeit des Zeitalters. Es bereitet ihm Unbehagen, wenn er Menschen fröhlich sieht, und er fragt sich, welchen Grund zu lachen sie finden können. Er verzieht seine Lippen niemals zu mehr als zu einem Lächeln, und bevor er die Vierzig erreicht, hat ihm das Stirnrunzeln Falten eingetragen. Schließlich fällt er in jene tödliche Melancholie, die ihn zu einem erbitterten Menschenfeinde macht, und das ist des Unfriedens liebster Gefährte. Er ist der Funke, der das Gemeinwohl in Brand steckt; und betätigt sich selbst als Blasebalg, um das Feuer noch recht anzufachen; und wenn irgend etwas aus ihm wird, dann gewöhnlich eines von diesen dreien: Klosterbruder, Verschwörer oder Tollhäusler.“