Dienstag, 5. Juli 2016

brevity...


"jede Kunstäußerung, die über eine Stunde hinausgeht, ist in meinen Augen eine Zudringlichkeit." 

(Gottfried Benn an Peter Schifferli, 20.3.1948)


Berlin - Karthago - Pompeji


Benn an seinen schweizer Verleger am 4.9.1949:

"Die Lage in Berlin ist schlecht. Das Einzige, was es bietet, sind Spannungen, täglich, stündlich, geistig und materiell. Ein Netz von Funken und Stahlen (sic!) fluoresziert ohne Unterbrechung über seinen Dächern. Ich glaube, daß weder Paris noch London so die Zeichen der Gefahren trägt, die uns alle bedrohn. Hier ist Karthago vor der letzten Zerstörung und Pompeji, ehe der Vulkan began. Aber auch ein schöner Spätsommer ist augenblicklich mit dem schon fahlen Licht und dem Zögern der Rosen und der Stunden. Also etwas für die morbiden Empfangsapparate, wie es das von Herrn Rychner geschilderte 'Lyrische Ich' besitzt." 

beide zitate ein unerwarteter fund in bern: (fast) der ganze benn in zwei passagen...  
 

Freitag, 20. Mai 2016

Ah, mas que saudade eu tenho da Bahia...

Ah, mas que saudade eu tenho da Bahia... oh, was für eine sehnsucht nach bahia... und das, obwohl ich noch nie dagewesen bin... ;-)






Donnerstag, 14. April 2016

Freitag, 5. Februar 2016

Das Heimweh nach den verrauchten, versoffenen Kreuzberger Kneipen...



Das Heimweh nach den verrauchten, versoffenen Kreuzberger Kneipen... Den alten in Schöneberg, neuen in Kreuzkölln und wenn es sein muss auch den schicken-schnieken-posigen in Prenzlauer Berg. Besonders in den ersteren aber meint man, würde es geschehen. Da wo Cave und Bowie gesessen haben, würde auch jetzt, vielleicht ein paar Meter oder Kilometer weiter, sich die Erde um sich selbst drehen und ein paar Menschen dieses Faktum ganz neu erkennen und für uns arme Sünder in Verse und/oder Noten fassen. Der Absturz in Kreuzberg hat etwas Existentielles, Eigenes, auch wenn alle Welt heut über Touristen oder Schwaben oder Flüchtlinge meckert. Die Schwerkraft dort ist eine andere und sie lädt das Verweilen, das Sich-Gehen-Lassen, das Verzweifeln, das Sich-Selbst-Durch-Suff-Zugrunde-Richten, das Selbstmitleidigsein auf. Es scheint mir dort ein Sport zu sein und zwar einer der edelsten, vergleichbar nur mit Duellen auf Leben und Tod aufgrund eines völlig absurden Vorfalles. Ich muss an Benn denken – mal wieder – wie er von Georges Zusammentreffen mit jemanden berichtet - in einen Restaurant, einer Bar? Man traf sich „wie zu einem Duell“ mit Hut und im Frack, um ein Komma im Text, in einer Strophe zu diskutieren. Vom selben Ernst beseelt sind die Herren im Wild at Heart, in der Milchbar, im Trinkteufel meiner Erinnerung, schon halb unter dem Tisch, nichts mehr zu sagen, wahrscheinlich schon von der Minute an, in der sie eintraten, nun aber for sure. Oder kommt da doch noch ein Gemurmel vor? Ein Goldstück gequirlter Mäusescheiße? Eine Sekunde der Einsicht ins eigene Gescheitertsein, in die bauchflaue Leere, die sich vielleicht gegen vier oder auch erst halb sechs einstellt? Die Vorahnung auf eine eiskalte, schwarzdunkle Berliner Winternacht, die einem beim Austritt entgegenschlägt? Hoffnung auf einen traumlosen und urteilsfreien Schlaf, der endlich vergessen lässt? Der Morgen wird kommen, aber jetzt, jetzt noch nicht. Jetzt ist noch ein Rest an Zwischenzeit übrig, jenseits und drüber und drunter hinweg, von wem davon? Oh ja, VON ALLEN! Mein Gehirn wird mich schon zu bald wieder in Beschlag nehmen, jetzt jedoch noch einen Moment Freiheit, die immer die Abwesenheit von Entscheidung, das Zaudern, das Scheitern ist. Und gescheitert wird hier, im Kreuzberg meines Schädels, nicht zu knapp.


Samstag, 20. Juni 2015

und wenn das altern...


"Und wenn das Altern, das den Halbheiten ein Ende setzt, die in jugendlichen Bohèmezeiten eingesteckten, selbstgewählten und vorläufigen Ablehnungen in ein unwiderrufliches Scheitern verwandelt, bescheiden Schriftsteller niedgriger Herkunft sich leichter mit 'industrieller Literaturproduktion', die aus dem Schreiben eine Tätigkeit macht wie andere auch; sofern die verbittertsten unter ihnen nicht ganz ins Gegenteil verfallen und sich den niedrigsten Verrichtungen politischer Polemik hergeben."
 

(Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst)

 ps: bei bourdieu stehen 'schriftsteller' nur stellvertretend für die gesamte bagage des intellektuellen feldes. künstler und wissenschaftler sind ausdrücklich mit eingeschlossen...

Sonntag, 8. Februar 2015

die 'mühen der ebene'


MÜLLER [...] Das, worum es bei der Baader-Meinhof-Problematik geht, ist insofern auch für uns [in der DDR, AEM] relevant, als es natürlich sehr viel schwieriger ist, wenn eine Revolution sich nur noch im Alltag vollzieht. Dann wird es, gerade für Intellektuelle, sehr schwer, nicht depressiv zu werden. Ein Intellektueller braucht doch immer ein bißchen Theater, ein bißchen Glanz. Und solange das so ist, geht es. Wenn es dann darum geht, Arbeitsschutzbestimmungen durchzusetzen, was für die meisten Leute viel wichtiger ist als das, was die Intellektuellen so wollen, da wird es dann zu einem Problem für die Intellektuellen, noch bei der Stange zu bleiben.

LAUBE Sie meinen, daß der Intellektuelle auch eine gewisse Theatralisierung der Wirklichkeit braucht?

MÜLLER Es fällt ihm schwer, sich an die Wirklichkeit zu halten und sich nicht zu langweilen. 

(heiner müller, interview 1975)